Modul 09 · Thermal Systems · Rev. 1.9.1

Thermische Systeme · Energie & Temperatur

Kapitel 01–09 liefern Speicher, Transportpfade, Wärmetauscher, Verlustquellen und transiente Mehrknotenphysik. Kapitel 10 schließt das Modul als thermisches Fahrzeugnetz: mehrere Komponenten- und Fluidzustände werden über symmetrische Wärmepfade, externe Senken und explizite Quellen zu einer gemeinsamen Energiebilanz gekoppelt.

Cii = Q̇i + ΣjGij(Tj−Ti) − Gi∞(Ti−T∞)   |   dEex/dt = ΣQ̇i − ΣGi∞(Ti−T∞)

Konvention: Energiezufuhr zum betrachteten thermischen Knoten wird positiv gezählt. Das Kapitel verwendet primär kondensierte Stoffe ohne Phasenwechsel und mit lokal konstantem cp; reale Materialwerte sind temperatur- und zustandsabhängig.

Modulübersicht

Vom Energieinhalt zum gekoppelten Fahrzeug-Wärmenetz.

Core v1 bleibt auf zehn Kapitel fixiert. Kapitel 01–10 sind aktiv; Modul 09 ist inhaltlich und architektonisch abgeschlossen.

Kapitel 01 · Wärme, Temperatur & Wärmekapazität

Temperatur ist nicht Energie – Wärmekapazität verbindet beide Größen.

Ein 100-°C-Bauteil kann thermisch sehr wenig oder sehr viel Energie enthalten. Entscheidend sind Masse, Materialzustand, Referenzzustand und die thermische Bilanz.

01.1 · Wärme, Energie und Temperatur trennen

Temperatur T beschreibt einen thermodynamischen Zustand. Wärme Q bezeichnet Energie, die aufgrund einer Temperaturdifferenz über eine Systemgrenze übertragen wird; sie ist keine eigenständige „gespeicherte Stoffmenge“ im Bauteil. Gespeichert bzw. verändert wird die Energie des Systems.

ΔEsystem = Ein − Eout
Q̇ = dQ/dt   [W]

Elektrische, mechanische oder chemische Verlustleistung kann im betrachteten Knoten in innere Energie übergehen. Das nächste Kapitel formuliert diese Beiträge als zeitabhängige Leistungsbilanz.

01.2 · Wärmekapazität eines lumped node

Für einen räumlich als annähernd isotherm behandelten Knoten aus einem kondensierten Stoff und lokal konstantem cp:

Cth = m cp
ΔEth ≈ CthΔT = m cpΔT

C_th hat die Einheit J/K. Eine hohe thermische Kapazität bedeutet: Für dieselbe Energieänderung steigt die Temperatur weniger stark.

01.3 · cp vs. cv

Streng thermodynamisch gehört c_v zur Änderung der inneren Energie bei konstantem Volumen und c_p zur Enthalpieänderung bei konstantem Druck. Für viele Festkörper und Flüssigkeiten im Automotive-Temperaturbereich liegen beide nahe beieinander; deshalb wird m c_p hier als praktische thermische Kapazitätsnäherung verwendet.

Für Gase, starke Druckänderungen oder präzise thermodynamische Zustandsrechnungen reicht diese Vereinfachung nicht.

01.4 · Mehrere Teilkörper als ein Knoten

Wenn mehrere Teilkörper tatsächlich denselben Knoten bilden dürfen – also intern hinreichend schnell Temperatur ausgleichen – addieren sich die Kapazitäten:

Cth,total = Σ mi cp,i
Teq = Σ(CiTi) / ΣCi

Die Gleichgewichtstemperatur gilt für ein adiabatisch isoliertes Mehrkörpersystem mit konstanten Wärmekapazitäten und ohne Phasenwechsel.

01.5 · Energie vs. Leistung

Leistung ist Energie pro Zeit. Bei konstanter Leistung:

E = P Δt
ΔT = η P Δt / Cth

η ist im folgenden Labor lediglich der Anteil der zugeführten Energie, der im betrachteten Knoten verbleibt. Wärmeabfuhr wird noch nicht dynamisch gelöst; genau das folgt in Kapitel 02.

SAME ENERGY INPUT · DIFFERENT THERMAL CAPACITYsame ΔEsame ΔEC_thΔT2 C_thΔT / 2temperature rise follows energy / thermal capacity · not temperature alone

01.6 · Grenzen der linearen Wärmekapazität

Das Modell ΔE≈m c_p ΔT verliert Genauigkeit, wenn c_p(T) stark variiert, ein Phasenwechsel auftritt, chemische Reaktionen stattfinden oder der Körper intern große Temperaturgradienten besitzt. Dann wird aus einer einzigen Temperatur ein verteiltes Feld oder ein Mehrknotenmodell.

Kapitel 01 · Thermal-Mass Lab

Gleiche Leistung bedeutet nicht gleiche Temperatur.

Das Labor ist bewusst adiabatisch: Es integriert nur eine vorgegebene Energiemenge in einen lumped thermal node. Wärmeabfuhr und Zeitkonstanten kommen erst in Kapitel 02.

Thermal node

8,0 kg
500 J/(kg·K)
30 °C
20,0 kW
20 s
85 %
Adiabatic lumped-node reference

Stored energy vs. temperature rise

Modellgrenze: konstantes cp, ein räumlich isothermer Knoten, keine Wärmeabfuhr, kein Phasenwechsel und keine temperaturabhängigen Stoffdaten. Die Preset-cp-Werte sind repräsentative Lehrwerte und keine Komponenten-Spezifikation.

Kapitel 02 · Transiente thermische Bilanz

Temperatur entsteht aus einer Leistungsbilanz über Zeit – nicht aus Leistung allein.

Kapitel 01 koppelte gespeicherte Energie und Temperatur. Kapitel 02 formuliert den thermischen Knoten als dynamisches System: Quellen erhöhen die Knotenenergie, Wärmeabfuhr reduziert sie, und die thermische Kapazität bestimmt die Änderungsrate der Temperatur.

02.1 · Erste thermische Differentialgleichung

Für einen lumped node mit konstanter Wärmekapazität:

Cth dT/dt = Q̇gen − Q̇out

Die linke Seite beschreibt die Änderungsrate gespeicherter Energie. Q̇_gen ist die netto im betrachteten Knoten entstehende bzw. eingebrachte Leistung. Q̇_out fasst die abgeführte Leistung zusammen.

02.2 · Reduzierter thermischer Leitwert

Bevor Leitung, Konvektion und Wärmetauscher einzeln modelliert werden, verwenden wir einen linearen Gesamtleitwert:

out = Gth(T−T∞)
Gth [W/K]

G_th ist hier ein Systemparameter, der mehrere reale Wärmewege zusammenfassen darf. Er ist noch kein Konvektionskoeffizient h und keine Materialleitfähigkeit k; diese Größen werden in Kapitel 03/04 getrennt.

02.3 · Stationärer Zustand

Stationär bedeutet nicht „keine Wärme fließt“, sondern dT/dt=0. Für konstante Quelle und positiven Leitwert:

gen = Gth(Tss−T∞)
Tss = T∞ + Q̇gen/Gth

Im stationären Zustand kann kontinuierlich Leistung erzeugt und abgeführt werden, obwohl die Temperatur konstant bleibt.

02.4 · Thermische Zeitkonstante

Für das lineare Ein-Knoten-System entsteht eine charakteristische Zeit:

τ = Cth/Gth

Nach einer Zeitkonstante ist bei einem Temperatursprung etwa 63,2 % des Weges vom Anfangswert zum neuen stationären Wert zurückgelegt. Nach fünf Zeitkonstanten liegt ein ideales Erstordnungssystem sehr nahe am Endwert.

02.5 · Analytische Lösung bei konstanten Randbedingungen

T(t) = Tss + (T0−Tss)e−t/τ

Diese Lösung setzt konstantes C_th, konstantes G_th, konstante Quelle und konstante Umgebungstemperatur voraus. Variable Fahrzustände, Pumpen-/Lüfterkennfelder und temperaturabhängige Stoffwerte erzeugen ein zeitvariables System.

FIRST-ORDER THERMAL NODE · SOURCE + STORAGE + REJECTIONQ̇_genC_thT(t)Q̇_out = G_th(T−T∞)ENVIRONMENTT∞T_ssτ = C_th / G_th sets the time scale · G_th is a reduced conductance, not yet h or k

02.6 · Adiabatischer Grenzfall

Für G_th=0 existiert bei positiver Dauerquelle kein endlicher stationärer Zustand. Dann reduziert sich die Bilanz auf:

CthdT/dt = Q̇gen
T(t) = T0 + (Q̇gen/Cth)t

Das ist genau die zeitliche Form der adiabatischen Kapitel-01-Beziehung. Die lineare Temperaturzunahme ist kein realistischer Langzeitbetrieb eines real gekühlten Systems, sondern ein sauberer Grenzfall.

Kapitel 02 · Transient Thermal Lab

Quelle, Wärmekapazität und Wärmeleitwert bestimmen gemeinsam T(t).

Das Labor verwendet die analytische Lösung eines linearen lumped node. Damit bleiben Zeitkonstante, stationärer Zustand, Heating/Cooldown und der adiabatische Grenzfall transparent.

First-order thermal node

12,0 kg
900 J/(kg·K)
30 °C
25 °C
8,0 kW
180 W/K
180 s
Analytic first-order response

T(t), T_ss and τ

Modellgrenze: ein räumlich isothermer Knoten, konstantes cp, konstantes Gth, konstante Quelle und konstantes T∞. Gth ist ein reduzierter Gesamtleitwert; Leitung, Konvektion und Wärmetauscher werden erst in Kapitel 03–05 mechanistisch zerlegt. Kein Phasenwechsel, keine Strahlungs-T⁴-Nichtlinearität und keine variablen Pumpen-/Lüfterkennfelder.

Kapitel 03 · Wärmeleitung

Wärmeleitung verbindet einen Temperaturgradienten mit einem gerichteten Energiefluss im Material.

Kapitel 02 verwendete einen reduzierten Leitwert G_th. Kapitel 03 zeigt, wie dieser für einfache Festkörpergeometrien aus Wärmeleitfähigkeit, Fläche, Weglänge und zusätzlichen Kontaktwiderständen entsteht.

03.1 · Fourier-Gesetz

Für eindimensionale stationäre Wärmeleitung in x-Richtung:

cond = −kA dT/dx
q″ = Q̇/A = −k dT/dx

k ist die Wärmeleitfähigkeit in W/(m·K), A die zur Flussrichtung normale Fläche und q″ die Wärmestromdichte in W/m². Das Minuszeichen besagt: Wärme fließt in Richtung fallender Temperatur.

03.2 · Ebene Wand mit konstantem k

Für eine homogene Platte der Dicke L und konstante Randtemperaturen ergibt Integration:

Q̇ = kA(Thot−Tcold)/L
Rth,cond = L/(kA)
Gth,cond = 1/Rth,cond = kA/L

R_th besitzt K/W, G_th W/K. Damit wird der reduzierte Leitwert aus Kapitel 02 für diesen idealisierten Pfad konkret.

03.3 · Material und Geometrie getrennt lesen

Höheres k und größere Fläche erhöhen den Leitwert; größere Weglänge reduziert ihn. Dieselbe Komponente kann daher trotz guten Wärmeleitmaterials einen hohen thermischen Widerstand besitzen, wenn der Leitungspfad lang oder der effektive Querschnitt klein ist.

Gth ∝ k
Gth ∝ A
Gth ∝ 1/L

03.4 · Widerstände in Reihe

Für denselben Wärmestrom durch mehrere eindimensionale Schichten addieren sich die thermischen Widerstände:

Rth,total = Σ Rth,i
Q̇ = (Thot−Tcold)/Rth,total

Der größte Widerstand erzeugt bei gleichem Wärmestrom den größten Temperaturabfall. Das ist der thermische Gegenpart zu einer elektrischen Reihenschaltung – als Rechenanalogie, nicht als Identität der Physik.

03.5 · Parallele Leitungspfade

Zwischen denselben Temperaturknoten addieren sich dagegen die Leitwerte:

Gth,total = Σ Gth,i
Rth,total = 1/Gth,total

In realen Fahrzeugstrukturen entstehen häufig mehrere parallele Wärmewege über Gehäuse, Verschraubungen, Flüssigkeiten und angrenzende Bauteile. Kapitel 10 führt solche Pfade als Netzwerk zusammen.

03.6 · Thermischer Kontaktwiderstand

Zwei nominell anliegende Festkörper berühren sich mikroskopisch nur über Rauheitsspitzen. Ein reduzierter flächenspezifischer Kontaktwiderstand R″_c kann als zusätzlicher Serienwiderstand geschrieben werden:

Rc = R″c/A
ΔTc = Q̇ Rc

Kontaktpressung, Oberflächenfinish, Wärmeleitpaste, Oxidschichten und Fügeprozess beeinflussen diesen Widerstand. Ein universeller Kontaktwert existiert nicht.

1D CONDUCTION · SERIES RESISTANCES + CONTACTlayer 1 · k₁, L₁layer 2 · k₂, L₂contact R_cT_hotT_coldsame Q̇ through series path · temperature drop across each element = Q̇ R_th

03.7 · Stationär ist nicht isotherm

Ein stationärer Leitungszustand kann einen dauerhaften räumlichen Temperaturgradienten besitzen. ∂T/∂t=0 sagt nur, dass sich das Temperaturfeld zeitlich nicht ändert; ∇T kann gleichzeitig von null verschieden sein und einen konstanten Wärmestrom tragen.

03.8 · Modellgrenzen

Die Plattenmodelle setzen eindimensionale Leitung, konstante Querschnitte und meist konstantes k voraus. In realen Geometrien treten 2D/3D-Spreading, lokale Quellen, anisotrope Materialien und temperaturabhängige Leitfähigkeit auf. Transiente innere Gradienten benötigen zusätzlich die Wärmeleitungsgleichung statt eines einzelnen lumped node.

Kapitel 03 · Conduction Path Lab

Material, Dicke, Fläche und Kontakt bestimmen den stationären Wärmeleitpfad.

Das Labor löst zwei ebene Schichten mit gemeinsamem Querschnitt und optionalem Kontaktwiderstand in Reihe. Es zeigt Wärmestrom, Wärmestromdichte, Gesamtleitwert und die Temperaturabfälle der einzelnen Widerstände.

Two-layer conduction path

180 °C
60 °C
0,020 m²
8,0 mm
45 W/(m·K)
5,0 mm
180 W/(m·K)
0,00020 m²K/W
1D steady conduction

Temperature profile across series resistances

Modellgrenze: stationäre eindimensionale Leitung, gemeinsame konstante Fläche, konstante Materialleitfähigkeiten und flächenspezifischer Kontaktwiderstand als lumped interface. Keine Konvektion, Strahlung, innere Wärmeerzeugung, 2D/3D-Spreading oder transienten inneren Temperaturgradienten.

Kapitel 04 · Konvektion & Wärmeübergang

Konvektion koppelt eine feste Oberfläche an ein strömendes oder ruhendes Fluid – der Koeffizient h ist dabei keine Stoffkonstante.

Kapitel 03 beschrieb Wärmeleitung im Festkörper. An der Fluidgrenze wird die resultierende Wärmeabgabe häufig durch einen lokalen Wärmeübergangskoeffizienten h zusammengefasst. Dieser hängt von Strömung, Geometrie, Fluidzustand und Randbedingungen ab.

04.1 · Newtonscher Wärmeübergangsansatz

Mit positiver Richtung von der Oberfläche zum Fluid definieren wir:

conv,s→f = hA(Ts−T∞)
q″conv = h(Ts−T∞)

Ist T_s>T∞, ist der Wärmestrom positiv: die Oberfläche gibt Energie an das Fluid ab. Bei T_s<T∞ kehrt sich das Vorzeichen um und das Fluid erwärmt die Oberfläche.

04.2 · h ist ein Interface-Parameter

Der Wärmeübergangskoeffizient h in W/(m²·K) ist keine reine Materialeigenschaft wie die Wärmeleitfähigkeit k. Er fasst den Transport durch die hydrodynamische und thermische Grenzschicht zusammen.

Er kann sich mit Geschwindigkeit, Turbulenz, Oberflächengeometrie, Orientierung, Fluidstoffwerten und lokaler Position ändern. Ein einzelner h-Wert ist deshalb stets eine Modell- oder Messannahme für einen definierten Betriebszustand.

04.3 · Freie und erzwungene Konvektion

Freie Konvektion entsteht durch dichtegetriebene Auftriebsströmung. Erzwungene Konvektion wird durch äußere Strömung, Lüfter oder Pumpen erzeugt. In realen Fahrzeugen können beide Mechanismen gleichzeitig wirken.

Es gilt insbesondere nicht allgemein h∝v. Geschwindigkeitsabhängigkeit folgt aus der jeweiligen Strömungs- und Geometriekorrelation.

04.4 · Thermischer Widerstand der Fluidgrenze

Für einen als konstant angenommenen lokalen bzw. gemittelten Wärmeübergangskoeffizienten lässt sich die Fluidgrenze als Widerstand schreiben:

Gconv = hA
Rconv = 1/(hA)
conv = (Ts−T∞)/Rconv

Damit passt die Konvektion direkt in die Widerstands-/Leitwertsprache aus Kapitel 02 und 03.

04.5 · Leitung + Konvektion in Reihe

Eine Wand und die angrenzende Fluidgrenze bilden im einfachsten 1D-Fall einen Serienpfad:

Rtotal = L/(ksA) + 1/(hA)
Q̇ = (Tinside−T∞)/Rtotal

Je nach Größenordnung dominiert entweder die Festkörperleitung oder die Grenzschicht. Kapitel 05 erweitert dieses Prinzip auf Wärmetauscher mit zwei Fluidströmen.

04.6 · Von Re und Pr zu Nu und h

In technischen Korrelationen wird h typischerweise nicht direkt aus Geschwindigkeit geschätzt. Zunächst wird die Strömung über dimensionslose Kennzahlen charakterisiert:

Re = ρUL/μ
Pr = μcp,f/kf
Nu = hL/kf

Dann gilt schematisch Nu=f(Re,Pr,Geometrie,Randbedingungen). Jede konkrete Korrelation besitzt einen eigenen Gültigkeitsbereich; außerhalb davon ist Extrapolation keine Validierung.

04.7 · Biot-Zahl und Lumped-Node-Gültigkeit

Die Biot-Zahl vergleicht den inneren Festkörper-Leitwiderstand mit dem äußeren konvektiven Widerstand:

Bi = hLc/ks
Lc = V/As   (häufige Lumped-Body-Definition)

L_c muss zur verwendeten Geometrie und Korrelation passen; für die klassische Lumped-Capacitance-Abschätzung wird häufig V/A_s verwendet. Als übliche Ingenieur-Faustregel gilt Bi<0,1 oft als guter Bereich für eine räumlich annähernd isotherme Lumped-Node-Näherung. Das ist kein Naturgrenzwert; Geometrie, gewünschte Genauigkeit und Randbedingungen bleiben relevant.

04.8 · Rückkopplung zu Kapitel 02

Ist die Lumped-Näherung vertretbar und h konstant, wird aus der konvektiven Abfuhr wieder ein thermisches Erstordnungssystem:

CthdT/dt = −hA(T−T∞)
τconv = Cth/(hA)

Kapitel 02 war daher die allgemeine Systemform; Kapitel 04 liefert nun einen konkreten physikalischen Ursprung für den dort verwendeten Leitwert.

SOLID–FLUID INTERFACE · CONVECTIVE HEAT TRANSFERsolid surface T_sthermal boundary layerbulk fluid T∞Q̇_conv = hA(T_s−T∞)h represents the interface transport under defined flow, geometry and fluid conditions · it is not a material constant

04.9 · Automotive Transfer

Konvektive Wärmewege erscheinen an Bremsrotoren, Motorgehäusen, Batteriekühlplatten, Öl-/Wasserkanälen, Intercoolern und Kühlern. Entscheidend ist stets die lokale Kombination aus Oberfläche, Fluidzustand und Strömung – nicht nur „mehr Luft“ oder „mehr Kühlmittel“.

Kapitel 04 · Convection Interface Lab

hA bestimmt den Grenzflächenleitwert – Bi entscheidet, ob ein einzelner Körpertemperaturzustand plausibel ist.

Das Labor verwendet h direkt als lokalen/gemittelten Interface-Parameter. Es leitet bewusst kein universelles h(v)-Gesetz ab. Der Transientenplot ist die formale Lumped-Node-Lösung und wird bei großer Biot-Zahl als Modell-Extrapolation markiert.

Solid–fluid interface

120 °C
30 °C
0,40 m²
80 W/(m²·K)
6,0 kg
900 J/(kg·K)
8 mm
170 W/mK
Formal lumped-node convection response

Interface heat flow and T(t)

Modellgrenze: konstantes gemitteltes h, konstante Fluid-Bulktemperatur und konstante Stoffwerte. Keine explizite Grenzschicht-/CFD-Lösung, keine Strahlung, kein Sieden/Kondensieren und keine h(v)-Korrelation. Die Temperaturantwort ist nur bei hinreichend kleiner Biot-Zahl als räumlich isothermes Lumped-Node-Modell belastbar.

Kapitel 05 · Wärmetauscher

Ein Wärmetauscher koppelt zwei Enthalpieströme – UA bestimmt den Transport, Ċ = ṁcp die thermische Aufnahmefähigkeit.

Kapitel 03 und 04 lieferten Leitung und Konvektion als Widerstände. Kapitel 05 fasst beide Fluidgrenzen und die Trennwand zu einem Gesamtleitwert UA zusammen und koppelt ihn mit den Energiebilanzen beider Ströme.

05.1 · Vom Interface zum Zwei-Strom-System

Auf der heißen Seite wird Wärme aus einem Fluid an eine Wand übertragen, durch die Wand geleitet und auf der kalten Seite an das zweite Fluid abgegeben. Im stationären idealisierten Fall ist derselbe Wärmestrom durch alle seriellen Teilpfade gekoppelt.

Q̇ = UA · ΔTeff
1/(UA) = 1/(hhAh) + Rwall + Rfouling/contact + 1/(hcAc)

UA hat die Einheit W/K. Es ist ein Gesamtleitwert des Wärmetauschers unter definiertem Betriebszustand – keine reine Materialkonstante.

05.2 · Zwei gekoppelte Energiebilanzen

Ohne Wärmeverlust an die Umgebung und ohne Phasenwechsel gilt für beide Fluidseiten derselbe Betrag des Wärmestroms:

Q̇ = ṁh cp,h(Th,in−Th,out)
Q̇ = ṁc cp,c(Tc,out−Tc,in)

Die Austrittstemperaturen sind keine frei wählbaren Randbedingungen. Sie entstehen gemeinsam aus UA, Einlasstemperaturen und den Wärmekapazitätsströmen.

05.3 · Wärmekapazitätsstrom Ċ

h = ṁhcp,h
c = ṁccp,c
min = min(Ċh,Ċc)
Cr = Ċmin/Ċmax

besitzt die Einheit W/K. Er ist vom gespeicherten C_th=mc_p aus Kapitel 01 zu trennen: hier strömt Masse kontinuierlich durch das Kontrollvolumen.

05.4 · Maximale Wärmeleistung und Effectiveness

max = Ċmin(Th,in−Tc,in)
ε = Q̇/Q̇max
0 ≤ ε ≤ 1

Die kleinere Wärmekapazitätsstromseite setzt die obere sensible Enthalpiegrenze. Selbst für sehr großes UA bleibt der Wärmestrom endlich.

05.5 · NTU: Transportvermögen relativ zum Engpass

NTU = UA/Ċmin

NTU vergleicht den Gesamtleitwert mit dem kleineren Wärmekapazitätsstrom. Für eine gegebene Strömungsanordnung folgt ε=f(NTU,C_r).

05.6 · Gleichstrom und Gegenstrom

Gleichstrom: beide Fluide treten am selben Ende ein; die Temperaturdifferenz fällt entlang des Tauscherwegs stark ab.

εparallel = [1−exp(−NTU(1+Cr))]/(1+Cr)

Gegenstrom: die Fluide laufen entgegengesetzt; die treibende Temperaturdifferenz kann gleichmäßiger verteilt werden.

εcounter = [1−exp(−NTU(1−Cr))]/[1−Crexp(−NTU(1−Cr))]
für Cr → 1: ε = NTU/(1+NTU)

05.7 · LMTD als stationäre Temperaturdifferenz

ΔTlm = (ΔT1−ΔT2)/ln(ΔT1/ΔT2)
Q̇ = UA · ΔTlm

Im Lab entstehen die Austrittstemperaturen zuerst aus ε-NTU. ΔT_lm wird daraus abgeleitet und dient als Konsistenzprüfung – nicht als zweite unabhängige Wärmestromrechnung.

05.8 · Grenzfälle

  • UA→0: NTU→0, ε→0, Q̇→0.
  • UA→∞: Q̇→Q̇_max, nicht unendlich.
  • ṁ→0 auf einer Seite: deren wird zum Engpass und der übertragbare Wärmestrom kollabiert.
  • Sehr großer Kapazitätsstrom auf einer Seite: deren Bulktemperatur ändert sich nur wenig.
FLOW ARRANGEMENT · TEMPERATURE DRIVING FORCEidealized sensible heat exchange · same fluids / UA can yield different εPARALLEL FLOWT_hT_cboth streams → same directionCOUNTERFLOWT_hT_c,instreams move in opposite directions

05.9 · Automotive Transfer

  • Motorkühler: Kühlmittel ↔ Umgebungsluft; der luftseitige Massenstrom koppelt direkt an Modul 08.
  • Charge-Air Cooler: Ladeluft ↔ Luft oder Kühlmittel; Temperaturabsenkung und Druckverlust koppeln Powertrain und Thermik.
  • Öl-/Getriebekühler: Öl ↔ Kühlmittel oder Luft; der thermische Zustand wirkt zugleich auf Viskosität und Reibung.
  • Klimasystem: Kondensator/Verdampfer erfordern später Phasenwechselmodelle; das sensible ε-NTU-Modell reicht dafür allein nicht.

Kapitel 05 · Heat Exchanger Lab

UA allein entscheidet nicht – der kleinere Wärmekapazitätsstrom setzt die obere Leistungsgrenze.

Das Labor verwendet konstante Stoffwerte und die analytischen ε-NTU-Beziehungen für idealen Gleich- oder Gegenstrom. Die Temperaturprofile folgen denselben stationären Energiebilanzen.

Two-stream heat exchanger

Gegenstrom
95 °C
30 °C
0,35 kg/s
1,20 kg/s
3800 J/(kg·K)
1005 J/(kg·K)
850 W/K
ε-NTU · stationärer Zwei-Strom-HX

Temperaturprofil entlang des Tauscherwegs

Modellgrenze: stationärer sensibler Wärmeübergang, konstante c_p-Werte und konstanter Gesamtleitwert UA. Keine Phasenänderung, kein Wärmeverlust an die Umgebung, keine axiale Leitung, kein Druckverlust-/Pumpen-/Fan-Modell, keine Kreuzstromkorrelation und keine Mehrpass-/Maldistributionseffekte.

Kapitel 06 · Quellen & Verluste

Verlustleistung erzeugt thermische Quellen – die Systemgrenze entscheidet, wo diese Wärme tatsächlich ankommt.

Kapitel 02 verwendete Q̇_gen noch als vorgegebenen Quellterm. Kapitel 06 löst ihn aus Leistungsfluss, Wirkungsgrad und Verlustpartitionierung auf und koppelt Performance direkt an Temperatur.

06.1 · Leistungsbilanz des Energiewandlers

Für einen stationären Energiewandler ohne Änderung gespeicherter Energie gilt in der betrachteten Energieflussrichtung:

Pin = Puseful + Ploss
η = Puseful/Pin

Ist die Nutzleistung bekannt:

Pin = Puseful
Ploss = Puseful(1/η − 1)

Ist dagegen die Eingangsleistung bekannt, folgt P_loss=(1−η)P_in. Die beiden Formen sind identisch; problematisch wird es erst, wenn Ein- und Ausgangsbezug vermischt werden.

06.2 · Gesamtverlust ist nicht automatisch Knotenwärme

Die aus dem Wirkungsgrad bestimmte Verlustleistung ist zunächst der nicht als Nutzleistung austretende Energiestrom relativ zur gewählten Systemgrenze. Erst die thermische Partition bestimmt, welcher Anteil davon als Wärmequelle in einen konkreten thermischen Knoten eingeht:

node = αnodePloss
0 ≤ αnode ≤ 1

α_node beschreibt die thermische Partition auf genau den betrachteten Knoten. Der Rest verlässt diese Systemgrenze über andere Pfade.

06.3 · Kopplung an die transiente Bilanz

CthdT/dt = Q̇node − Gth(T−T∞)
Tss = T∞ + Q̇node/Gth
τ = Cth/Gth

Damit wird Wirkungsgrad zur thermischen Eingangsgröße: mehr Verlustleistung erhöht den Quellterm, während G_th und C_th bestimmen, wie stark und wie schnell die Temperatur reagiert.

06.4 · ICE: chemische Leistung → Bremsleistung + Restpfade

Pfuel = ṁfuelHu
Pbrake = Mω
ηb = Pbrake/Pfuel

P_fuel−P_brake ist nicht identisch mit Kühlmittelwärme. Abgasenthalpie, Kühlmittel, Öl, Gehäusekonvektion und Strahlung bilden konkurrierende Pfade. Für einen Kühlmittel- oder Metallknoten ist deshalb α_node zwingend von der Gesamtverlustleistung zu trennen.

06.5 · E-Maschine: Kupfer, Eisen und Mechanik

Pel = Pmech + PCu + PFe + Pmech.loss
PCu ≈ 3Irms2Rphase

Die Kupferform gilt näherungsweise für eine symmetrische dreiphasige Wicklung bei entsprechend definierter Phasen-RMS-Größe. Eisenverluste hängen von magnetischer Flussdichte und elektrischer Frequenz ab; Lager- und Windageverluste von Drehzahl und Mechanik.

06.6 · Inverter: Leit-, Schalt- und Hilfsverluste

Ploss,inv = Pcond + Psw + Paux
Psw ≈ fsw Σi[Eon,i+Eoff,i]
Esw,i = Esw,i(Vdc, I, Tj, Rg, …)

Leitverluste hängen von Strom, Bauelement und Temperatur ab; Schaltverluste zusätzlich von Zwischenkreisspannung, Strom, Sperrschichttemperatur, Schaltfrequenz und Gate-Strategie. Die Summe läuft über die im betrachteten Schaltzyklus relevanten Bauelemente bzw. Schaltvorgänge; die Beziehung beschreibt die Struktur, nicht eine universelle Kennzahl.

06.7 · Wirkungsgrad ist ein Kennfeld

η = η(n,M,T,Vdc,…)

Ein einzelner η-Wert beschreibt nur einen lokalen Betriebspunkt. ICE-BSFC-/Effizienzfelder, E-Motor-Maps und Inverterkennfelder sind Zustandsflächen. Für ein Fahrzyklusmodell muss der aktuelle Betriebspunkt bestimmt und die lokale Verlustleistung interpoliert werden.

06.8 · Temperatur kann die Verlustquelle verstärken

R(T) ≈ R0[1+αR(T−T0)]
PCu ∝ I²R(T)

Bei gleichem Strom steigen Kupferverluste mit der Wicklungstemperatur. Auch Halbleiter- und Eisenverluste besitzen Temperaturabhängigkeiten. Das Lab hält η und α noch konstant; die geschlossene Rückkopplung gehört in Kapitel 10 zum Mehrknotennetz.

POWER → LOSS → THERMAL SOURCE efficiency determines total loss · partition determines the modeled thermal node P_in fuel / electrical / mechanical ENERGY CONVERTER η = P_useful / P_in ICE · E-machine · inverter · regen P_useful shaft / DC / traction output P_loss α Q̇_node = α P_loss other paths = (1−α) P_loss THERMAL NODE C_th · T(t)

06.9 · Typische Fehlannahmen

  • „1−η ist direkt Kühlleistung“: falsch ohne definierte Systemgrenze und Verlustpartition.
  • „η ist konstant“: nur als lokale Lehrnäherung; reale Aggregate besitzen Kennfelder.
  • „Rekuperation hat negative Verluste“: nein; nur die Nutzenergieflussrichtung kehrt sich um.
  • „Hoher Wirkungsgrad bedeutet thermisch irrelevant“: wenige Prozent Verlust können bei hohen Leistungen mehrere Kilowatt Wärme bedeuten.

Kapitel 06 · Loss Source Lab

Aus Nutzleistung und Wirkungsgrad wird Verlustleistung – aus Verlustpartition und Wärmeabfuhr wird Temperatur.

Das Lab trennt Energiewandler, thermische Partition und lumped thermal node. Damit bleibt sichtbar, welche Annahme an welcher Stelle wirkt.

Loss-source operating point

E-Motor
120 kW
94,0 %
85 %
90 kJ/K
120 W/K
70 °C
30 °C
600 s
Power balance → thermal node

Leistungsfluss und Temperaturantwort

Modellgrenze: konstante lokale Effizienz η, konstante thermische Partition α_node, ein einzelner lumped thermal node mit konstantem C_th und linearem G_th. Keine Wirkungsgradmap-Interpolation, keine temperaturabhängige Verlustkennlinie, keine dynamische Drehzahl-/Momentenbahn und keine Aufteilung auf mehrere gekoppelte Temperaturknoten.

Kapitel 07 · Öl, Getriebe & Differential

Öl ist nicht nur Kühlmedium – seine Temperatur verändert die Verlustmechanismen, die es selbst wieder erwärmen.

Das Kapitel koppelt Modul 02 · Schmierung mit Modul 06 · Antriebsstrang. Getriebe- und Differentialverluste werden in lastabhängige Reibung sowie drehzahl- und viskositätsabhängige Schlepp-/Churning-Anteile zerlegt.

07.1 · Dynamische und kinematische Viskosität

ν = μ/ρ

μ ist die dynamische Viskosität in Pa·s; ν die kinematische Viskosität in m²/s bzw. häufig mm²/s = cSt. Bei annähernd konstanter Dichte besitzen beide für Verhältnisrechnungen denselben Temperaturtrend.

Das reduzierte Lab verwendet bewusst keine SAE-Klasse als vollständiges Stoffmodell.

07.2 · Lokales Viskositätsmodell

Für ein transparentes Lehrmodell wird um einen Referenzzustand eine exponentielle Näherung verwendet:

ν(T) = νref exp[−βν(T−Tref)]

βν ist ein lokaler empirischer Temperaturkoeffizient. Das Modell bildet den starken Viskositätsabfall mit steigender Temperatur ab, ersetzt aber keine Vollbereichskorrelation oder gemessene Ölkennlinie.

Im Lab gilt T_ref=80 °C; drei Referenzöle verändern ν_ref und βν, ohne reale Produktklassen vorzutäuschen.

07.3 · Lastabhängige Verzahnungs-/Lagerverluste

Unter Last entsteht Reibarbeit an Zahnflanken und Lagern. Lokal gilt:

Pfric = Ffricvrel
Ffric ≈ μfFN

μ_f bezeichnet hier den Kontakt-Reibkoeffizienten und nicht die dynamische Viskosität μ. Da reale Zahnkontaktkinematik, Lagergeometrie, Vorspannung und Schmierzustand variieren, aggregiert das Lab diesen Anteil über einen lokalen Lastpfad-Wirkungsgrad:

Pload = Pout(1/ηload−1)

07.4 · No-load drag: viskose Schleppverluste

Lager, Dichtungen, Ölfilme und rotierende Oberflächen erzeugen auch ohne übertragenes Nutzmoment Schleppleistung. Das Lab verwendet einen referenzierten viskosen Anteil:

Pvisc = (1−χ)Pdrag,ref(ν/νref)(n/nref

Die Skalierung ist eine explizite Lehrannahme. Reale Lager- und Dichtverluste besitzen komponentenspezifische Abhängigkeiten.

07.5 · Churning & Windage

Rotierende Zahnräder und Differentialbauteile beschleunigen Öl und Luft/Öl-Gemische. Verluste hängen von Eintauchtiefe, Ölstand, Geometrie, Dichte, Aeration und Drehzahl ab.

Pchurn = χPdrag,ref(ν/νref)a(n/nref)b

Im Lab gelten transparent a=0,30 und b=2,50. Diese Exponenten sind didaktische lokale Skalierungen und keine universellen Getriebegesetze.

07.6 · Gesamtverlust und lokaler Wirkungsgrad

Ploss = Pload + Pvisc + Pchurn
ηsys = Pout/(Pout+Ploss)

Bei P_out=0 existiert nur Schleppleistung; ein Wirkungsgrad relativ zu null Nutzleistung ist dann nicht sinnvoll.

Mehrstufige Getriebe benötigen in einer detaillierten Rechnung eine Stufen-/Lager-/Dichtungszerlegung statt eines einzigen η_load.

07.7 · Thermische Rückkopplung

Die Verlustleistung wird zur thermischen Quelle des Öl-/Gehäuseknotens:

CthdT/dt = Ploss(T,n,Pout) − Gth(T−T∞)

Da ν(T) mit steigender Temperatur sinkt, nehmen die modellierten Schlepp- und Churningverluste meist ab. Damit entsteht eine negative thermische Rückkopplung. Gleichzeitig kann sinkende Viskosität die Schmierfilmreserve verschlechtern – thermische und tribologische Rückkopplung sind nicht identisch.

DRIVELINE THERMO-VISCOUS FEEDBACKtemperature changes viscosity · viscosity changes drag · drag becomes heatOIL TEMPERATURET_oilVISCOSITYν(T)LOSS CHANNELSP_loadP_visc(ν,n)P_churn(ν,n)Σ → P_lossHEAT SOURCEP_loss → C_th·Ṫthermal feedback · lower ν may reduce drag while also reducing film reserven · P_out · η_load · geometry / oil level

07.8 · Kalt, warm, heiß

  • Kalt: hohe Viskosität kann Schleppmoment und Churningarbeit erhöhen; zugleich ist der Film tragfähiger, bis Pumpbarkeit oder Versorgung limitieren.
  • Warm: geringere Schleppverluste und meist günstiger Betriebszustand innerhalb des vorgesehenen Ölfensters.
  • Zu heiß: noch geringere Viskosität reduziert manche Drag-Anteile, kann aber Filmreserve, Oxidationsstabilität und Lebensdauer verschlechtern.

07.9 · Differential & Achsgetriebe

Hypoid-/Kegelradkontakte, große Ölvolumina, hohe Umfangsgeschwindigkeiten und teilweise tiefe Eintauchung können Lastreibung und Churning stark koppeln. Differentialkäfig, Tellerrad und Lager tragen zusätzliche Schlepppfade bei.

Ein reales Achsgetriebe benötigt deshalb Kennfelder über Drehzahl, Last, Öltemperatur, Ölstand und ggf. Fahrzustand.

07.10 · Modellgrenzen

  • keine universelle Lager-, Dichtungs- oder Zahnradverlustformel
  • keine vollständige Hersteller-/Vollbereichs-Viskositätskorrelation
  • keine Schaum-/Aerations- oder Ölstands-Dynamik
  • keine lokale Zahnflanken-Flashtemperatur
  • keine komponentenaufgelöste Verlustmap

Kapitel 07 · Driveline Oil Loss Lab

Temperatur senkt die Viskosität – und verschiebt damit die Verlustaufteilung zwischen Lastreibung, Schleppdrag und Churning.

Das Labor integriert einen nichtlinearen lumped thermal node. Viskose und Churningverluste werden bei jedem Zeitschritt aus der aktuellen Öltemperatur neu berechnet.

Thermo-viscous driveline

Mid reference
80 °C
70 °C
2500 rpm
45 kW
98,5 %
0,8 kW
45 %
180 kJ/K
400 W/K
600 s
nonlinear thermal feedback · reduced drag model

Verlustaufteilung und Öltemperatur

Lab-Konstanten: T_ref=80 °C, n_ref=3000 rpm, viskoser Drehzahlexponent 2, Churning-Exponenten a=0,30 und b=2,50. Diese Werte sind transparente Lehrparameter. Modellgrenze: ein thermischer Öl-/Gehäuseknoten, konstantes C_th/G_th, keine lokale Kontakt-/Flashtemperatur, keine Aerations-/Ölstands-Dynamik und keine komponentenspezifische Hersteller-Verlustmap.

Kapitel 08 · Bremsen & Reifen

Bremsen und Reifen erzeugen Wärme über unterschiedliche Energiepfade – ein Bremsereignis ist ein Puls, Reifenverluste wirken kontinuierlich.

Die gemeinsame thermische Bilanz bleibt dieselbe. Neu ist die mechanische Herkunft des Quellterms: beim Bremsen aus abgebauter Fahrzeugenergie, beim Reifen aus Hysterese-, Roll- und gegebenenfalls Schlupfdissipation.

08.1 · Bremsenergie aus der Fahrzeugbewegung

Für eine ebene translatorische Baseline ohne Aero-, Roll-, Höhen- und Rotationsanteile ist die beim Verzögern freiwerdende Fahrzeugenergie:

ΔEveh = ½m(vi²−vf²)
Qfric = χfricΔEveh

χ_fric ist der Anteil, der tatsächlich über die Reibbremsen läuft. Rekuperation, Luft- und Rollwiderstand oder andere Senken reduzieren diesen Anteil aus Sicht der Reibbremse.

08.2 · Vom Fahrzeug zur einzelnen thermischen Bremsmasse

Die Reibbremsenergie verteilt sich auf Achsen, Räder, Rotor/Trommel, Belag und angrenzende Strukturen. Für einen ausgewählten Knoten:

Qnode = αnodeQfric
node ≈ Qnode/Δtb

α_node fasst im Lehrmodell die gesamte Verteilung bis zum betrachteten Knoten zusammen. Er ist kein universeller Rotoranteil.

08.3 · Temperaturantwort während und nach dem Bremsereignis

CthdT/dt = Q̇node(t) − Gth(T−T∞)
node(t) = Qnode/Δtb   für   0≤t≤Δtb
node(t) = 0   danach

Der Peak entsteht aus Energieeintrag und thermischer Kapazität; die anschließende Abkühlung wird durch den Wärmeabfuhrpfad bestimmt. Wiederholte Bremsungen akkumulieren Wärme, wenn zwischen den Ereignissen nicht genügend Energie abgeführt wird.

08.4 · Reifen-Hysterese als kontinuierlicher Verlustpfad

Eine reduzierte Rollwiderstandsleistung kann lokal geschrieben werden als:

Frr ≈ CrrFz
Prr ≈ CrrFzv
tire = αtirePrr

C_rr ist hier ein lokaler Betriebspunktparameter. Er hängt real unter anderem von Compound, Temperatur, Druck, Last, Geschwindigkeit, Aufbau und Oberfläche ab. α_tire bestimmt nur, welcher Anteil der dissipierten Leistung im gewählten Reifen-Knoten verbleibt.

08.5 · Schlupf kann zusätzliche Dissipation erzeugen

Für die lokale Relativbewegung im Kontaktpatch ist die dissipative Leistung formal:

Pslip,diss = −F⃗t · v⃗slip ≥ 0

Longitudinal- und Seitenkraft können deshalb bei Schlupf zusätzliche Wärme erzeugen. Das Lab modelliert diesen Pfad nicht separat, damit Rollwiderstand, Schlupfmodell und Reifen-Kraftgesetz nicht künstlich vermischt werden.

08.6 · Reifen-Temperatur ist kein einzelner universeller Zustand

Lauffläche, Karkasse, Gürtel und innere Luft besitzen unterschiedliche Temperaturfelder und Zeitskalen. Ein einzelner lumped node ist daher nur eine reduzierte Beobachtungsgröße.

Auch das sogenannte Arbeitsfenster ist compound-, Last- und messpositionsabhängig. Das Lab verwendet nur einen normierten Lehrindikator:

Iwindow(T) = exp[−½((T−Topt)/σT)²]

I_window ist ausdrücklich keine Grip-Kennlinie. Es visualisiert lediglich die Entfernung eines gewählten Knotenwerts von einem frei gesetzten Referenzfenster.

CHASSIS THERMAL SOURCES · PULSE vs CONTINUOUSbrake energy is event-driven · tire hysteresis persists with rollingBRAKE NODEΔE_veh½mΔv²χ·αC_thT(t)finite Q̇ pulse during Δt_bTIRE NODEcontact hysteresis / rolling lossC_thT(t)continuous source while rolling · P_rr ≈ C_rr F_z v

08.7 · Motorsport-Transfer

  • Bremsen: hohe Einzelereignisenergie, wiederholte Pulse und unvollständige Cooldown-Phasen bestimmen Rotor-/Belagtemperatur und Fade-Risiko.
  • Reifen: Belastung, Geschwindigkeit, Druck, Schlupf und Compound bestimmen die Wärmeentstehung; Oberfläche und Bulk können zeitlich deutlich auseinanderlaufen.
  • Hybrid/EV: Rekuperationsstrategie verschiebt Energie von der Reibbremse in E-Maschine, Inverter und Batterie und verändert damit das gesamte thermische Netzwerk.

Kapitel 08 · Brake / Tire Thermal Lab

Gleiche Knotenbilanz, unterschiedliche Quelle: Brems-Puls oder kontinuierliche Reifen-Hysterese.

Brake mode löst einen endlichen Energiebetrag in einen zeitlich begrenzten Wärmeleistungs-Puls auf. Tire mode nutzt einen lokalen Rollwiderstands-Betriebspunkt. Beide Modelle bleiben bewusst reduziert und transparent.

Chassis thermal source

Bremse
1450 kg
160 km/h
60 km/h
100 %
22 %
5,0 s
35 kJ/K
85 W/K
90 °C
30 °C
60 s
chassis thermal node · event / continuous source

Quellleistung und Temperaturantwort

Brake-Modellgrenze: ebene translatorische Fahrzeugenergie, konstante Reibbrems- und Knotenpartition, rechteckiger Leistungspuls, ein lumped node; keine rotierenden Energieanteile, Aero-/Rollarbeit, Bremsbalance-/Rotor-/Pad-Detailmodelle oder temperaturabhängiger Reibwert. Tire-Modellgrenze: lokales konstantes C_rr, konstante Radlast/Geschwindigkeit und ein lumped Reifen-Knoten; kein Schlupfleistungs-, Druck-, Oberflächen-/Bulk-Mehrknoten- oder Gripmodell. Der Window-Index ist nur eine normierte Visualisierung.

Kapitel 09 · Heat Soak & Cooldown

„Quelle aus“ bedeutet nicht „jede Temperatur fällt sofort“ – gespeicherte Energie kann zwischen Knoten zeitverzögert weiterwandern.

Ein beobachtetes Gehäuse, Kühlmittelvolumen, Lagergehäuse oder Hub kann nach Lastende noch wärmer werden. Dafür braucht das Modell mindestens einen heißeren gekoppelten Knoten, einen fortbestehenden Residualterm oder eine geänderte Wärmeabfuhr.

09.1 · Warum der Ein-Knoten-Fall keinen Heat Soak erzeugt

Für Kapitel 02 gilt nach Abschalten einer Quelle:

CthdT/dt = −Gth(T−T∞)

Ist T>T∞ und G_th>0, folgt zwingend dT/dt<0. Ein einzelner linearer Knoten kann dann nur abkühlen. Ein post-shutdown Temperaturanstieg ist deshalb ein Hinweis auf zusätzliche Zustände, fortbestehende Quellen oder geänderte Randbedingungen.

09.2 · Minimaler Zwei-Knoten-Ansatz

Wir unterscheiden einen heißen inneren Knoten h und einen beobachteten äußeren Knoten s:

ChdTh/dt = Q̇res − Ghs(Th−Ts) − Gha(Th−T∞)
CsdTs/dt = Ghs(Th−Ts) − Gsa(t)(Ts−T∞)

G_hs koppelt die beiden thermischen Speicher. G_ha und G_sa repräsentieren reduzierte Abfuhrpfade zur Umgebung beziehungsweise zu einem Kühlreservoir.

09.3 · Sofortiges Heat-Soak-Kriterium

Direkt nach dem Lastende steigt der äußere Knoten genau dann, wenn der interne Zufluss größer als seine momentane Abfuhr ist:

dTs/dt > 0 ⇔ Ghs(Th−Ts) > Gsa(Ts−T∞)

Dieses Kriterium benötigt keine fortbestehende Quelle. Bereits gespeicherte Energie im heißen Kern kann genügen.

09.4 · Residualterm und Afterrun-Kühlung

Ein optionaler Residualterm kann zeitlich abfallen:

res(t)=Q̇0exp(−t/τres)

Er steht für eine explizit gewählte, noch fortbestehende Wärmefreisetzung und darf nicht automatisch mit „gespeicherter Wärme“ gleichgesetzt werden. Afterrun von Pumpe oder Lüfter wird im Lab als zeitweise erhöhter effektiver Außenleitwert modelliert:

Gsa(t)=kafterGpassive   für   0≤t≤tafter
Gsa(t)=Gpassive   danach

09.5 · Energieerhaltung im Zwei-Knoten-System

Relativ zur konstanten Umgebung sei die sensible Überschussenergie:

Eex=Ch(Th−T∞)+Cs(Ts−T∞)
dEex/dt = Q̇res − Gha(Th−T∞) − Gsa(Ts−T∞)

Der interne Term G_hs(T_h−T_s) hebt sich in der Gesamtbilanz auf. Er verschiebt Energie nur zwischen den Knoten. Deshalb kann T_s steigen, obwohl E_ex bereits sinkt.

09.6 · Peak und Cooldown

Der äußere Temperaturpeak liegt bei:

dTs/dt = 0
Ghs(Th−Ts) = Gsa(Ts−T∞)

Der Peak erfordert nicht T_h=T_s. Nach dem Peak dominiert die Abfuhr; nach Abklingen des Residualterms nähern sich beide Knoten bei positiven Außenleitwerten asymptotisch der Umgebung.

HEAT SOAK · TWO THERMAL STATES AFTER SHUTDOWNstored energy redistributes internally while external rejection can changeHOT CORE · C_hT_hstored energy / residual sourceOBSERVED NODE · C_sT_shousing / fluid / hub / shellG_hs(T_h−T_s)AMBIENT / SINKT∞G_sa(t)G_ha · direct core-to-ambient pathoptional Q̇_res(t) after shutdownafterrun: temporary higher G_sa

09.7 · Automotive-Transfer

  • ICE / Turbo: Zylinderkopf, Abgasseite und Turbolader können wärmer als umliegende Öl-/Wasser-/Gehäuseknoten sein; nach Abstellen entfällt zugleich ein Teil der erzwungenen Kühlung.
  • E-Maschine / Inverter: Wicklung bzw. Halbleiter können gegenüber Gehäuse/Kühlplatte einen inneren Temperaturvorsprung besitzen; Pumpen-Afterrun verändert die Randbedingung.
  • Bremsen: ein heißer Rotor kann nach dem Bremsereignis Wärme zeitverzögert in Topf, Nabe, Lager und Felge übertragen.
  • Batterie: Zellkern und Modul-/Kühlplattenzustand besitzen unterschiedliche Zeitskalen; ein einzelner Sensorwert kann deshalb dem inneren Peak hinterherlaufen.

Kapitel 09 · Heat Soak Lab

Ein äußerer Knoten kann nach Shutdown weiter steigen, obwohl die Gesamtenergie bereits abnimmt.

Das Labor integriert zwei gekoppelte lineare Wärmekapazitäten mit optional exponentiell abklingendem Residualterm. Passive Kühlung und idealisierte Afterrun-Kühlung können direkt verglichen werden.

Two-node post-shutdown model

Passiv
190 °C
95 °C
30 °C
120 kJ/K
35 kJ/K
260 W/K
10 W/K
85 W/K
4,0×
180 s
0,5 kW
120 s
900 s
two-node post-shutdown transient

Core- und Beobachtungstemperatur über der Zeit

Modellgrenze: zwei räumlich kondensierte Knoten mit konstanten Kapazitäten und linearen Leitwerten, konstante Senkentemperatur, optional exponentieller Residualterm und stufiger Afterrun-Leitwert. Keine temperaturabhängigen Stoffwerte, Strahlung, natürliche Konvektions-Nichtlinearität, Pumpen-/Fan-Kennfelder, Fluidtransportverzögerung oder mehr als zwei interne Temperaturzustände.

Kapitel 10 · Thermisches Fahrzeugnetz

Das Fahrzeug ist kein einzelner thermischer Knoten – es ist ein Netzwerk aus Speichern, Quellen, internen Wärmepfaden und Senken.

Kapitel 10 synthetisiert die bisherigen Modelle. Jeder Knoten besitzt eine thermische Kapazität, jeder interne Pfad einen Leitwert, jeder Energiewandler kann einen Quellterm liefern und die Umgebung erscheint als explizite thermische Senke.

10.1 · Knotenbilanz als allgemeine Form

Für einen dynamischen Knoten i gilt:

CidTi/dt = Q̇i + ΣjGij(Tj−Ti) − Gi∞(Ti−T∞)

C_i speichert Energie. Q̇_i ist eine lokale Quelle aus Kapitel 06–08. G_ij koppelt zwei dynamische Knoten, G_i∞ koppelt den Knoten an ein externes Reservoir. Der Term ist vorzeichenbehaftet: Ein heißer Knoten gibt Energie ab, ein kälterer kann aus dem Reservoir Energie aufnehmen.

10.2 · Zustandsvektor und Netzwerkgraph

xT = [TPT, TC, TO, TB, TR, TBAT]T

Das Referenznetz verwendet sechs reduzierte Fahrzeugknoten: Powertrain-Solid, Coolant, Oil, Brake/Hub, Tire und Battery. Interne Kanten stehen für wirksame Wärmewege, nicht zwingend für ein einzelnes physisches Bauteil.

Eine Kante darf nur gesetzt werden, wenn ein realer Wärmeweg existiert oder bewusst als reduzierte Ersatzkopplung definiert wurde.

10.3 · Symmetrische interne Leitwerte

Gij = Gji ≥ 0
i←j = Gij(Tj−Ti)

Für einen passiven linearen Wärmeweg ist der Leitwert symmetrisch. Der Wärmestrom wechselt automatisch sein Vorzeichen mit der Temperaturdifferenz. Ein gerichteter „Wärmeleiter“ ohne zusätzliche Arbeit wäre in diesem Modell unphysikalisch.

10.4 · Graph-Laplacian und Matrixform

Die internen Leitwerte bilden einen thermischen Graph-Laplacian L_G. Mit diagonaler Kapazitätsmatrix C:

C Ṫ = q − LGT − G∞(T−T∞1)
Ṫ = C−1[q − LGT − G∞(T−T∞1)]

Die Diagonale von L_G enthält die Summe der an einen Knoten angeschlossenen internen Leitwerte; die Nebendiagonalen enthalten −G_ij. G∞ bezeichnet hier die diagonale Matrix der externen Reservoir-Leitwerte, q den Vektor der lokalen Quellen.

10.5 · Gesamtenergie: interne Pfade heben sich auf

Definiere die Überschussenergie relativ zur festen Senke:

Eex = ΣiCi(Ti−T∞)

Summiert man alle Knotenbilanzen, löschen sich symmetrische interne Wärmeströme paarweise:

dEex/dt = Σii − ΣiGi∞(Ti−T∞)

Das ist der zentrale Konsistenztest des Netzwerkmodells: interne Wärmeübertragung verteilt Energie nur um; Quelle und äußere Senke verändern die Gesamtenergie.

10.6 · Stationärer Arbeitspunkt

Für konstante Quellen und konstante Leitwerte gilt bei Ṫ=0 ein lineares Gleichungssystem:

(LG+G∞)Tss = q + G∞T∞1

Ein eindeutiger stationärer Zustand existiert nur, wenn jede relevante zusammenhängende Komponente einen wirksamen Pfad zu einer Senke besitzt. Ein vollständig isolierter Knoten mit positiver Dauerquelle besitzt kein endliches T_ss.

10.7 · Mehrere thermische Zeitskalen

Ein Mehrknotennetz besitzt nicht nur eine Zeitkonstante. Nach Linearisierung bestimmen die Eigenwerte der Systemmatrix mehrere thermische Moden:

AT = −C−1(LG+G∞)
τk ≈ −1/λk

Schnelle lokale Gehäuse-/Interface-Moden und langsame Fluid-/Batterie-/Strukturmoden können gleichzeitig existieren. „Die thermische Zeitkonstante des Fahrzeugs“ ist daher im Allgemeinen keine einzelne Zahl.

10.8 · Cooling State verändert die Systemmatrix

Pumpe, Lüfter, Fahrzeuggeschwindigkeit, Ventile und Thermostate verändern reale Leitwerte und Massenströme. Im reduzierten Explorer wird dies nur als Skalierung äußerer Senken und interner Kopplungen dargestellt.

Gi∞ → κsinkGi∞,ref
Gij → κlinkGij,ref

Diese Faktoren sind keine Pumpen- oder Fan-Kennfelder. Sie dienen ausschließlich dazu, die Sensitivität des Netzwerks auf veränderte Wärmewege sichtbar zu machen.

VEHICLE THERMAL NETWORK · REDUCED GRAPHdynamic nodes C_i · symmetric internal conductances G_ij · external sink edges G_i∞POWERTRAINT_PT · C_PT · Q̇_PTCOOLANTT_C · C_COILT_O · Q̇_OBATTERYT_BAT · Q̇_BATBRAKE / HUBT_B · Q̇_BTIRET_R · Q̇_RAMBIENT / EXTERNAL SINK · T∞each node may have its own G_i∞ path

10.9 · Systemische Fehlbilder

  • „Mehr Knoten = automatisch genauer“: nein; zusätzliche Zustände brauchen identifizierbare Kapazitäten, Kopplungen und Messbezug.
  • „Jede heiße Komponente koppelt mit jeder anderen“: nein; nur physikalisch begründete oder explizit reduzierte Wärmewege gehören in den Graphen.
  • „Interne Wärmeübertragung ist Verlust aus dem Gesamtsystem“: nein; interne Kanten konservieren die Gesamtenergie des betrachteten Netzwerks.
  • „Stationär bedeutet überall gleiche Temperatur“: nein; bei Dauerquellen können stationäre Temperaturgradienten und Wärmeströme bestehen.

Kapitel 10 · Thermal Network Explorer

Quellen verändern Energie, interne Kanten verteilen sie, äußere Senken führen sie ab.

Der Explorer integriert ein transparentes Sechs-Knoten-Lehrnetz. Die Topologie und Referenzparameter bleiben sichtbar; Quellen, Startzustand sowie interne und externe Kopplungsstärken können variiert werden.

Vehicle thermal graph

25 °C
45 °C
25 kW
2,0 kW
0 kW
1,5 kW
0,5 kW
1,00×
1,00×
900 s
6-node thermal graph · RK4

Temperaturzustände und aktueller Wärmefluss

Referenznetz: C=[160,55,25,45,35,450] kJ/K für Powertrain, Coolant, Oil, Brake/Hub, Tire und Battery. Interne Referenzkanten: PT–Coolant 800 W/K, PT–Oil 250 W/K, Coolant–Oil 300 W/K, Coolant–Battery 250 W/K, Brake–Tire 80 W/K. Äußere Referenzleitwerte: [60,1200,180,300,220,100] W/K. Modellgrenze: lineare, zustandsunabhängige Referenzleitwerte und konstante Quellen; keine Phasenänderung, kein Thermostat-/Ventil-/Pumpen-/Fan-Kennfeld, keine Fluidtransportverzögerung, keine Strahlungs-T⁴-Nichtlinearität und keine Identifikation aus Messdaten.

Modulstand · Rev. 1.9.1 · abgeschlossen

Kapitel 01–10 aktiv · Modul 09 ist als konsistentes thermisches Fahrzeugsystem abgeschlossen.

Die thermische Modellkette ist geschlossen: von Wärmekapazität und Transport über Verlustquellen und Heat Soak bis zum gekoppelten Fahrzeugnetz. Der nächste Core-v1-Ausbau ist Modul 10 · Messung & Diagnose.

Kanonischer Transfer Kapitel 01–10

  • Temperatur T ist Zustandsgröße; Wärme Q ist Energieübertragung über eine Systemgrenze.
  • Für einen kondensierten, lokal isothermen Knoten gilt näherungsweise C_th=m c_p.
  • Die transiente Knotenbilanz lautet C_th dT/dt = Q̇_gen − Q̇_out.
  • Mit linearem Gesamtleitwert entsteht ein Erstordnungssystem mit τ=C_th/G_th.
  • Festkörperleitung folgt Q̇_cond=−kA dT/dx; k ist eine Materialeigenschaft unter definiertem Zustand.
  • Thermische Widerstände addieren sich in Reihe, Leitwerte in parallelen Pfaden.
  • Kontaktwiderstände können diskrete Temperaturabfälle an Interfaces erzeugen.
  • Konvektiver Wärmestrom wird lokal als Q̇_conv=hA(T_s−T∞) beschrieben.
  • h ist keine Materialkonstante, sondern hängt von Strömung, Geometrie, Fluidzustand und Randbedingungen ab.
  • Freie und erzwungene Konvektion sind unterschiedliche Mechanismen; ein universelles h∝v gilt nicht.
  • R_conv=1/(hA) koppelt die Fluidgrenze an die Widerstandssprache der Kapitel 02–03.
  • Re, Pr und Nu bilden die typische Korrelationsebene zwischen Strömung und h.
  • Bi=hL_c/k_s bewertet das Verhältnis innerer Festkörperleitung zu äußerer Konvektion.
  • Bi<0,1 ist eine verbreitete Ingenieur-Faustregel für eine plausible Lumped-Node-Näherung, kein harter Naturgrenzwert.
  • Bei gültigem Lumped-Modell folgt τ_conv=C_th/(hA).
  • Im Wärmetauscher koppelt UA zwei Fluidströme; Ċ=ṁc_p beschreibt deren thermische Transportkapazität.
  • Q̇_max=Ċ_min(T_h,in−T_c,in) setzt eine Enthalpiegrenze, sodass UA→∞ nicht Q̇→∞ bedeutet.
  • ε=Q̇/Q̇_max und NTU=UA/Ċ_min bilden die dimensionslose Systembeschreibung.
  • Gleich- und Gegenstrom besitzen unterschiedliche ε(NTU,C_r)-Beziehungen; Fahrzeugkühler sind häufig komplexere Kreuzstrom-/Mehrpass-Systeme.
  • LMTD ist mit den resultierenden Ein-/Austrittstemperaturen eine konsistente stationäre Darstellung von Q̇=UAΔT_lm.
  • Für einen Energiewandler gilt P_in=P_useful+P_loss; η=P_useful/P_in ist betriebspunktabhängig.
  • P_loss ist nicht automatisch die Wärmequelle eines einzelnen Knotens; Q̇_node=α_node P_loss definiert die lokale thermische Partition.
  • Bei Motoring und Rekuperation kehrt sich die Nutzenergieflussrichtung um, nicht das Vorzeichen der dissipativen Verlustleistung.
  • ICE, E-Maschine und Inverter besitzen unterschiedliche Verlustmechanismen und Wirkungsgradmaps.
  • Q̇_node koppelt unmittelbar an C_th dT/dt=Q̇_node−G_th(T−T∞) und macht Performance- zu Thermikgrößen.
  • Für Öl gilt ν=μ/ρ; Temperatur verändert die Viskosität und damit mehrere Driveline-Verlustpfade.
  • Lastabhängige Reibungsverluste werden von drehzahl-/viskositätsabhängigem No-load drag getrennt.
  • Das Lehrmodell zerlegt No-load drag in viskosen Schleppanteil und Churning/Windage; die Exponenten sind explizite lokale Modellparameter, keine Universalgesetze.
  • P_loss(T)=P_load+P_visc(T)+P_churn(T) wird zur nichtlinearen thermischen Quelle des Öl-/Gehäuseknotens.
  • Sinkende Viskosität kann Drag reduzieren, gleichzeitig aber die Schmierfilmreserve verschlechtern; thermische und tribologische Bewertung dürfen nicht kurzgeschlossen werden.
  • Bremsenergie ist ereignisgetrieben: ΔE_veh=½m(v_i²−v_f²) wird über Reibbrems- und Knotenpartition in einen endlichen Wärmepuls überführt.
  • Rekuperation verschiebt einen Teil der Verzögerungsenergie aus der Reibbremse in elektrische Verlust- und Speicherpfade.
  • Reifen-Rollverluste können lokal als P_rr≈C_rr F_z v beschrieben werden; C_rr bleibt betriebspunkt- und reifenabhängig.
  • Schlupfdissipation folgt formal P_slip,diss=−F_t·v_slip≥0 und darf nicht mit der Rollwiderstands-Baseline kurzgeschlossen werden.
  • Ein Reifen-Arbeitsfenster ist compound- und messortabhängig; der verwendete I_window ist keine Grip-Kennlinie.
  • Ein einzelner linearer Knoten mit abgeschalteter Quelle kann oberhalb der Senke nicht weiter aufheizen; Heat Soak erfordert zusätzliche Zustände, Residualquellen oder geänderte Randbedingungen.
  • Im Zwei-Knoten-Modell kann T_s steigen, während die Gesamtüberschussenergie bereits fällt, weil G_hs nur Energie zwischen Knoten umverteilt.
  • Das unmittelbare Soak-Kriterium lautet G_hs(T_h−T_s)>G_sa(T_s−T∞).
  • Afterrun-Kühlung wird als zeitweise erhöhter effektiver Außenleitwert modelliert und ist kein Pumpen-/Fan-Kennfeld.
  • Der äußere Temperaturpeak liegt bei dT_s/dt=0 und erfordert nicht T_h=T_s.
  • Das thermische Fahrzeugnetz generalisiert die Einzel- und Zwei-Knotenmodelle zu C_i dT_i/dt=Q̇_i+Σ_jG_ij(T_j−T_i)−G_i∞(T_i−T∞).
  • Symmetrische interne Leitwerte verteilen Energie nur um; in der Gesamtenergiebilanz heben sich interne Wärmeströme paarweise auf.
  • Ein stationärer Mehrknoten-Arbeitspunkt kann Temperaturgradienten und permanente Wärmeströme enthalten.
  • Mehrknotennetze besitzen mehrere thermische Moden und damit im Allgemeinen keine einzelne globale Zeitkonstante.
  • Die Zustandsvektor-Sicht x_T bildet die direkte Brücke zu Sensorik, Beobachtbarkeit und Diagnose in Modul 10.